Winter in Edmonton

Ich bin ja noch eine junge Athletin und weiß deshalb natürlich, das es im Renngeschehen vieles gibt, dass das erste Mal passiert oder das es noch oft geschehen wird, dass ich in eine neue, besondere Situation komme. Nach dem Rennen in Edmonton hat der Bundestrainer gesagt, dass er es bemerkenswert fand das wir alle bei diesem Rennen angetreten sind und

keine(r) ausgestiegen ist (Johnny musste ja unfreiwillig aussteigen). Spätestens da wusste ich, dass ich wieder eine besondere und neue Situation erlebt hatte. Nicht mal die anderen Mädels konnten sich an ein kälteres Rennen erinnern ... nicht mal "damals in Vancouver" soll es so kalt gewesen sein. Und damit ist die Hauptgeschichte des Rennens schon erzählt - es war sehr sehr  kalt.

Edmonton soll in diesem Jahr einen sehr schönen und langen Sommer erlebt haben - ausgerechnet um den Renntag herum wurde es mal kurz Winter. Die Wettervorhersage für den Renntag war ja klar: 8 Grad und immer wieder Regen. Bei den Rennen der Agegrouper wurde am Sonntag entschieden das Schwimmen wegzulassen und einen Duathlon zu starten. Bei uns sah es wohl lange Zeit auch so aus - zum Schluss soll ein halbes Grad mehr dazu geführt haben das es doch ein Triathlon wird. Naja das haben wir sowieso nicht so genau mitbekommen und uns natürlich für das Schwimmen vorbereitet. Es war schon bei den Vorbereitungen ziemlich kalt aber im Trockenen und dann auch mit Neo an ging das noch. Das Wasser soll so 17 -18 Grad gehabt haben – also 10 Grad wärmer als die Luft. Nach dem Schwimmstart fühlte sich alles auch erst mal relativ normal an  -  ich kam kurz hinter der Spitze aus dem Wasser. Beim Lauf in die Wechselzone spürte ich meine Füße schon nicht mehr und auf dem Rad dann bald gar nichts mehr. Ich bin einfach nur gefahren – die Bewegung auf dem Rad ist ja vorgegeben. Ich hatte zwar so ein Theromtop noch unter dem Rennanzug und eine Tüte über dem Helm aber es war ja eh alles nass und der Fahrtwind tat sein Übriges und so hatte ich nach fünf Kilometern regelrechte Zitteranfälle. Leider hatte ich auch noch meine Überschuhe für die Fußspitzen (ROSE Toe Cover) vergessen, die ich sonst im Wettkampf eigentlich immer dran habe wenn es nur den Anschein von kühleren Temperaturen gibt – und die Triathlon-Rennschuhe von Shimano sind für den schnelle Einstig schön offen geschnitten...
Vor dem Wechsel musst ich kurz an das Damen-Eliterennen von Kitzbühel 2014 denken: Damals war Lisa Sieburger auch bei Regen und Wind allein in die Wechselzone gelaufen und hat ewig versucht mit ihren kalten Fingern den Helm aufzubekommen...
Als ich dann also abstieg und die ersten Schritte lief wusste ich, dass es heute auch bei mir ein Problem geben könnte. Man fokussiert sich ja auf den Wechsel: Platz suchen – Vorderrad rein – Helm ab – Schuhe an und los. Die ersten beiden Punkte waren noch einfach. Den Helm habe ich zwar nicht gleich aber doch schnell aufbekommen. Dann allerdings habe ich versucht in meine Laufschuhe zu kommen – es ging einfach nicht – ich habe meine Zehen einfach nicht unter Kontrolle bekommen  - die wollten einfach nicht in die Schuhe. Man bekommt ja im Augenwinkel mit wie sich die Wechselzone lehrt – und die Verfolgergruppe war auch schon in der Anfahrt zu sehen. Nach einer gefühlten Ewigkeit gelang es mir doch in die Schuhe zu kommen und mich aus der Wechselzone zu bewegen. Laufen kann ich zu der Bewegung aus meiner Erinnerung gar nicht sagen – ich hatte kein Gefühl in den Füßen, keine Gefühl in den Beinen und kein Gefühl für das Tempo dass ich laufe – ich wusste nur dass jetzt Laufen dran ist – also habe ich das versucht und in dem Moment war es auch so dass ich wie aus Erinnerung an die Bewegung gelaufen bin – steuern konnte ich nichts mehr.  Ich dachte nur an das Ende – einfach bewegen  - immer Richtung Ziel – fünf Kilometer sind ja nicht so lang.  Ich habe immer wieder versucht vom Kopf her Kontakt zu meinen Füssen zu bekommen – das sie noch funktionierten habe ich ja gesehen...  Im Ziel war ich dann vierzehnte – natürlich wieder ein ganz gutes Ergebnis... natürlich nicht dass, was ich wollte...
Im nachhinein – jetzt aus dem Warmen betrachtet – war das alles irgendwie auch faszinierend: Während des Rennens wollte ich immer nur das es endlich zu Ende ist und habe einfach „funktioniert“ – ohne dass ich einen echten Gedanken an eine Aufgabe hatte. Kurz nach dem Rennen war es dann am schlimmsten  - es hat bestimmt eine Stunde gedauert bis mir wieder einigermaßen warm war – da habe ich echt gelitten. Aber jetzt bin ich froh das ich es durchgezogen habe und kann daraus auch irgendwie Kraft schöpfen, wobei ich mir ein solches Rennen nicht mehr wünsche – ich habe mir doch extra eine Sommersportart ausgesucht...

Bis bald
Eure Laura